Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 3, März 2011

Die Geschichte und Entwicklung
des Glogauer Heimatbund e.V.

1. Fortsetzung aus NGA2/2011

 

Den Gründern unserer Glogauer Heimatzeitung war klar, dass die vielen in der ganzen Bundesrepublik verstreuten Heimatvertriebenen nicht allein durch ihre sporadischen Zusammenkünfte eine ausreichende Plattform finden würden - nur eine eigene Heimatzeitung konnte hier helfen. Es gab auch schon Vorbilder dafür, z.B. hatten die Laubaner, Bunzlauer und Waldenburger ihre eigene Heimatzeitung. Deshalb gab unser Hfrd R. Peschel in einer Sitzung im November 1952 in Hannover den Plan der Gründung einer Glogauer Heimatzeitung bekannt. Viele Aufgaben sollte diese Heimatzeitung erfüllen:

1. Sie sollte ein lebendiges Denkmal an und für unsere Heimatstadt Glogau sein

2. Sie sollte den Kontakt und die Bindung zwischen Vorstand und Mitgliedern sowie auch die Verbindung der Glogauer Heimatfreunde untereinander fördern und stärken

3. Sie sollte den GHB in allen Bezirken bekannt machen und neue Mitglieder werben

4. Sie sollte durch Beiträge und Erlebnisberichte an unsere verlorene Heimat erinnern und das Heimatgefühl festigen, z.B. durch mundartliche Beiträge, durch Schilderung von Land und Leuten, von schlesischem Brauchtum usw.

5. Sie sollte über alles Geschehen in und um die Heimat informieren

6. Sie sollte auch das Wissen um die historischen Ereignisse beim Kampf um die Festung Glogau vertiefen und sowohl Einzelschicksale darstellen wie auch Gesamtdarstellungen abdrucken

7. Sie soll über Geburtstage und Sterbedaten der Mitglieder berichten

8. Sie soll den Eltern der Heimatvertriebenen Material in die Hand geben, ihre Kinder als Schlesier zu erziehen

9. Sie soll den Stolz der Schlesier auf ihre Heimat fördern durch Darstellung „großer" Schlesier aus der Literatur, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft.

Kopf Glogauer

Unsere Glogauer Heimatzeitung sollte also weit mehr sein, als nur ein Nachrichtenblatt. Und wenn wir die genannten Aufgaben überblicken - sie sind auch heute noch aktuell und Richtschnur für den NGA und seine Schriftleiter.

Das Erscheinen des ersten Heftes der „Glogauer Heimatzeitung" im November 1952 wurde nicht nur von unseren Mitgliedern begrüßt, sondern auch z.B. vom damaligen Oberbürgermeister von Hannover, Herrn Weber und seinem Stadtdirektor Wiechert. Auch der ehemalige Stadtpfarrer von Glogau - Joseph Wagner - hat sich den Wünschen für einen guten Start unserer Heimatzeitung angeschlossen.
Als erster Redakteur hat Karl Göbel die Schriftleitung der Heimatzeitung übernommen.

Karl Göbel

Karl Göbel
* 28.12.1877 † 03.11.1957

Karl Göbel war bis 1914 Redakteur am „Laubaner Tageblatt" und nach dem ersten Weltkrieg von 1918-1933 (Verbot durch die Nazis) verantwortlicher Redakteur beim „Niederschlesischen Anzeiger“ in Glogau. Unter seinem Einfluss bediente dieser Anzeiger ein breites Spektrum von Informationen: Politische Leitartikel, Spiegelbilder des heimatlichen Lebens, lokale Beobachtungen, Theaterkritiken usw. „Er beherrschte die öffentliche Meinung in Glogau“, wie es in einem Nachruf für Kurt Göbel hieß. Von seiner Tätigkeit als Schriftleiter verschiedener Zeitschriften Niederschlesiens stammen auch seine Verbindungen zum Goldammer Verlag, dessen Leiter Carl Goldammer nach 1945 verschiedene Heimatzeitungen in der Bundesrepublik herausgegeben hat, z. B. die Heimatblätter der Laubaner, Hirschberger, Löwenberger, Liegnitzer, Bunzlauer Waldenburger usw.
Es lag also nahe, auch unsere Heimatzeitung im Goldammer-Verlag drucken zu lassen, zumal der Chef des Verlages, Carl Goldammer, Neustadt/Saale als Schlesier bis 1945 Besitzer und Leiter einer Großdruckerei in Lauban/Schlesien war und ein offenes Ohr für die Belange des GHB hatte und sich auch bewusst als Heimat-Verleger bezeichnete.

Als Karl Göbel nach seiner Vertreibung aus Glogau der Bitte entsprach, die Redaktion der geplanten Heimatzeitung des GHB zu übernehmen, stand er im 75. Lebensjahr. Trotz seines hohen Alters hat er sofort zugesagt. Und so konnte im November 1952 das erste Heft der Glogauer Heimatzeitung (zunächst im Goldammer Verlag) erscheinen.

Karl Göbel hatte bis zu seinem Tod 1958 die Schriftleitung und Redaktion unseres Heimatblattes inne. Auch danach ist er durch die aus seinem Nachlass im NGA veröffentlichten Glogau-Bilder und durch seine anschaulichen Berichte von der Eigenart und Schönheit unserer verlorenen Heimat den älteren Lesern des NGA bekannt. Als Person war Karl Göbel durch sein wallendes, silbrig schimmerndes Haupthaar eine auffällige Erscheinung und unter den Vätern der Gründungsgeneration leicht zu erkennen.

In der 1. Ausgabe der Glogauer Heimatzeitung hat Karl Göbel seiner Liebe zu unserer verlorenen Heimat in einem Gedicht Ausdruck verliehen, das hier auszugsweise zitiert wird:

Gruß an die Heimat!
Der erste Gruß gilt dir, du schlesisch Heimatland,
Durch das die Oder zieht in breitem Band,
In dem wir einst in Freud' und Glück gelebt,
An dessen Wohle wir mit Fleiß gewebt,
Wo unsre Riesenberge stolze Höhen
Weit über blühend deutsches Land gesehen,
Wo sich in reichem Kranze Dörfer - Städte reihten
Wo wir erblickten fruchtgesegnet Felderbreiten,
Du Heimatland, das friedvoll wir besessen,
Du bleibst uns in der Ferne unvergessen.

Den zweiten Gruß dem altvertrauten Bild,
Das uns mit heißem Sehnen heut erfüllt,
Dir liebes Glogau, weihen wir das Herz
In frohem Sinn einst, heut in tiefem Schmerz,
Du schöne Stadt, für uns der Heimat höchstes Gut,
In Trümmern heute durch des Krieges Wut

Wir schaun im Geist, wie unter'm Brückenbogen
Mit Gut beladen Oderkäne zogen,
[…]

Nach einvernehmlichem Beginn, spitzten sich die Beziehungen zwischen dem Vorstand des GHB und dem Goldammer Verlag zunehmend zu. Es ging vor allem um finanzielle Fragen. Der Verlag wollte die vereinbarten 10 % des Bruttoumsatzes der Bezugsgelder und der Anzeigenerträge dem Heimatbund nicht mehr zubilligen, obwohl der Heimatbund ihm kostenlos alle verfügbaren Anschriften und den von Hfrd Herdzina entworfenen Zeitungskopf zur Verfügung gestellt hatte. Der Vorstand des GHB hat in dieser Situation betont, dass der Name der Heimatzeitung rechtlich Eigentum des GHB ist und der Zeitungskopf Eigentum von Herdzina bleibt. Da keine Einigung mit dem Goldammer Verlag möglich war, kam es zum Bruch mit weitreichenden Folgen.

Unter der Schriftleitung von K. Göbel gab der GHB in eigener Regie die Heimatzeitung unter dem veränderten Namen „Neuer Glogauer Anzeiger" heraus. Die gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Goldammer-Verlag hielt also gerade mal 1 ½ Jahre.

Am 1. April 1954 erschien das erste Heft des „Neuen Glogauer Anzeigers“ mit neuer Aufmachung aus Hannover, dem Sitz unseres Heimatbundes.

Kopf NGA

Parallel dazu erschien im Goldammer-Verlag weiterhin die „Glogauer Heimatzeitung“, allerdings mit einem neuen Zeitungskopf und einem neuen Redakteur. Für die „Glogauer Heimatzeitung“ des Goldammer-Verlages übernahm, ab dem 1. April 1954, Karl Heinrich aus Hof/Saale die Schriftleitung für den Heimatteil des Kreises Glogau. Er war der Hauptschriftleiter der „Nordschlesischen Tageszeitung“.

Die „Glogauer Heimatzeitung“ des Goldammer-Verlages hatte nur eine relativ kurze Lebensdauer von 4 Jahren. Von Juli 1955 bis zur letzten Ausgabe erschien diese Heimatzeitung sogar 2 x monatlich. Die letzte Ausgabe erschien im Dezember 1956 und die Leser dieser „Parallel-Zeitschrift“ wurden gebeten, wenn sie wollen, den „Neuen Glogauer Anzeiger“ zu bestellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Neue Glogauer Anzeiger bereits eine Auflagenhöhe von 3.500 Exemplaren.

Natürlich gab es als Folge des „Glogauer Zeitungskrieges" wechselseitige Anschuldigungen, auch rechtliche Fragen mussten geklärt werden. Das alles ist Vergangenheit. Die Heimatfreunde in der ehemaligen DDR hatten keinen Einfluss auf dieses Geschehen, ja sie haben davon kaum etwas mitbekommen. Sie waren ja abgeschirmt - besser ausgesperrt und bekamen die Heimatzeitung nur gelegentlich in die Hand. Sie hatten erst nach der Wende die Möglichkeit, sich aktiv im GHB einzubringen.

Unser „Neuer Glogauer Anzeiger" ist dagegen bis heute das beliebte und geachtete Heimatblatt unserer Mitglieder geblieben, was wir besonders seinen verschiedenen Redakteuren bzw. Schriftleitern zu verdanken haben, die mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen dafür gesorgt haben, dass unser Heimatblatt über die Jahre hinweg vielseitig und anspruchsvoll geblieben ist, entsprechend den Vorstellungen seiner Gründer.

Der von Hellmut Rieger vorgeschlagene Titel unserer Heimatzeitung soll auch an die beiden ältesten Zeitungen unserer Heimatstadt Glogau erinnern, dem „Niederschlesischen Anzeiger“ und der Neuen Niederschlesischen Zeitung.

Der NGA war seit seinem ersten Erscheinen nach der Trennung vom Goldammer-Verlag nicht mehr von den kommerziellen Ansprüchen eines Privatunternehmens abhängig, sondern diente seitdem als Organ des GHB ausschließlich den Anliegen und Ansprüchen seiner Mitglieder. Als verantwortlicher Herausgeber unseres NGA kamen natürlich ganz neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf den Vorstand zu: eine Druckerei musste gefunden werden, der Vertrieb der Zeitschrift musste organisiert werden, die eingehenden Gebühren für den Bezug der Zeitung mussten verwaltet werden usw. Der Aufwand für den Vorstand wurde erheblich größer und es entstanden auch höhere Kosten. Auch die räumliche Enge wurde nicht mehr tragbar, spielte sich der Büroalltag doch immer noch in der Wohnung des Ehepaares Felgenhauer in der Bessemerstraße ab. Aber erst am 26. August 1964 konnte nun auch die Geschäftsstelle des Glogauer Heimatbundes nach Herrenhausen ziehen, wo wir bereits 1953 von unserer Patenstadt Hannover einen Raum für eine Heimatstube erhalten hatten. Fortsetzung folgt . . .

zum Seitenanfang

zum Seitenanfang