Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 9, September 2016

Die Orgel in Groß Kauer (Kurów Wielki)
und die Organisten

von Hans-Joachim Breske

 

Wenn ich eine Kirche betrete mit der Absicht sie zu besichtigen, gehe ich immer nach ganz eigenem, ausprobiertem Schema vor. Ich lasse das ganze Kircheninnere einige Sekunden lang auf mich einwirken. Bei kleineren Kirchen beginne ich mit dem Rundgang durch die Mitte, bei größeren gehe ich seitlich neben dem Hauptschiff. Vor dem Hauptaltar angelangt, drehe ich mich zum Chorbalkon und betrachte den Prospekt der Orgel. Sollte Musik den Raum erfüllen, suche ich den Musikus (meistens erfolglos) und lasse meiner Fantasie freien Lauf.
Dabei konnte ich sehr oft beobachten, dass mein auffälliges Rückblicken zur Orgel verursachte, dass anwesende Personen plötzlich das Gleiche taten, aber nur, um kurz auf das Kircheninstrument hinauf zu schauen. Ja, wer schaut schon zur Orgel, zum Instrument, ohne welches Kirchen nicht mehr auskommen können. Man ahnt nicht, wie viel technischer Raffinesse dort verborgen ist, ich würde sagen, es ist ein geheimnisvolles Objekt.
Jedes Musikinstrument hat aber eine Geschichte und auch die Menschen, die dieses Sammelsurium unzähliger Pfeifen zum Klingen bringen, die im Verborgenen vor dem Spieltisch sitzen, dort umgeben von geheimnisvollen Zug- oder Druckregistern sind und die mit den Fingern ihrer Hände die schwarz-weißen Tasten und mit den Füßen die Pedalen streichelnd betätigen.
Wenn dieses Instrument in einer kleinen Dorfkirche steht und der Organist mit dem Rücken zum Altar – so wie ich in der Kirche von Kurów Wielki (K.W.) / [Groß Kauer (G.K.)] zugewandt war – ist die Anonymität vorprogrammiert.
Von dieser kleinen Orgel möchte ich nun berichten.
Wann die Orgel in K.W. gebaut und aufgestellt wurde, ist leider nicht überliefert.
Die im Jahr 1994 im Inneren der Kirche freigelegten Wandgemälde bedeckten vor Jahrhunderten die Wände des Raumes der Gläubigen (zwischen 1497 und ca. 1530).
Bei der Reinigung dieser zahlreichen Fresken wurde festgestellt, dass in späterer Zeit durch einige dieser bunten, von Hand gemalten Bilder, Löcher geschlagen wurden, um die Trägerbalken der zwei Balkone in den Wänden zu fixieren. Man kann vermuten, dass diese Bauarbeiten zurzeit als die Kirche evangelisch geworden war, durchgeführt wurden. Die Fresken waren damals nicht mehr „zeitgemäß“, denn erstens: die Wandmalereien passten nicht in das Konzept der evangelischen Grundregeln (man bevorzugte Schlichtheit) und zweitens, man wollte Sitz- oder Stehplätze für die neuen Gläubigen schaffen.
Betrachtet man die Konstruktion dieser Chorbalkone, kann leicht festgestellt werden, dass der untere Balkon umgebaut wurde. Im zentralen Teil wurde er auf einer Breite von ca. 4m ins Innere der Kirche um ca. 2,5 m versetzt. Wahrscheinlich um dem zukünftigen Instrument und dem Musikus entsprechenden Platz zu schaffen. In der Mitte dieses Vorbaues befindet sich ein gut sichtbares Datum 1624.
Aus der vorhandenen Kirchenchronik ist bekannt, dass am 3. Januar 1654 die Kirche wieder den katholischen Gläubigen zurückgegeben wurde. Daraus kann man schließen, dass der Klang dieser Orgel den evangelischen Gläubigen ca. 30 Jahre lang die Andachten verschönerte. Der Chronist der Pfarrei und Schule hat in einer späteren Notiz folgendes vermerkt: „Ein sehr altes Werk ist die in der Kirche befindliche Orgel. Im Jahr 1708 wurde sie verbessert und im Jahr 1730 erhielt sie von dem Orgelbauer Haman ein Pedal, welchem Meister für seine Arbeit 37 gr. und 25 pfg gezahlt wurden. Seit dieser Zeit wurde sie (die Orgel) im Jahr 1751 einer neuen Reparatur unterworfen.“
Diesen Vermerk in der Chronik hat der Lehrer und Organist der kath. Schule in G.K. im Jahre 1830 geschrieben. Es war dort damals so üblich, dass Lehrer dieser Schule auch das Amt des Kantors in der Kirche übernehmen mussten. Aus den Chronikeintragungen ist bekannt, wer sein Vorgänger war. „Eine der traurigsten Begebenheiten, die den damals an hiesiger kath. Schule amtierenden Lehrer Wilhelm Thiem betraf, ereignete sich am 5. Dezember 1821.An diesem Tag wurde dieser heimtückisch, auf dem Weg von Glogau nach Kauer, in der Sandgrube in Nähe von Mangelwitz, ermordet. (Hierzu siehe auch: NGA, Nr. 11/2009, Seite7 „Ein tragisches Ereignis“). Aus der Chronik der Gemeinde G. K. wissen wir, dass sein Vorgänger ab 1792 bis 1801 Zacharias Schlaffke war. Herr Thiem war ab 1801 bis 1821 Organist in G.K. Danach wurde Joseph Paluthe (der Chronikschreiber) Lehrer in Kauer. Seine sehr leserlich und korrekt geführten Eintragungen enden mit der Notiz: „Den 1-ten Oktober 1869 wurde der Schullehrer Joseph Paluthe in den Kreis Guhrau versetzt“.
Ihm folgte im Jahr 1869 Paul Paluthe (ich vermute, sein Sohn?), der 1877 nach Jätschau (Kr. Glogau) versetzt wurde. Ihm folgte am 16. Juli 1877 Felix Seiler (geboren in Fröbel, Kr. Glogau), der aber erst seine zweite Staatsprüfung am 20., 21. und 22. September 1878 bestand und ab dem 1. Dezember 1878 definitiv im Amt des Lehrers, des Organisten und des Küsters in G. K. bestätigt wurde.
Wie die Chronik weiter informiert, wurde: „Im Mai 1900 wurde das Innere des Gotteshauses renoviert und die Orgel gestimmt.“
Die Chronik informiert: „Am 1. Okt. 1914 tritt der Lehrer F. Seiler auf seinen Antrag in den Ruhestand und verließ G.K, nachdem er 37¼ Jahre seines Lebens als Lehrer und Kirchenbetreuer gewirkt hat. Beim Abschied in der Kirche hielt Herr Pfarrer Direske eine erhabene zu Herzen gehende Ansprache und überreichte dem scheidenden Lehrer den verliehenen Orden, den „Adler der Inhaber des Hohenzollernschen Hausordens“.
Sein Nachfolger wurde Alfred Haering, der aber schon am 1.12.1915 den Wehrdienst antreten musste. Ihm folgte als Lehrer und Kantor Herr Riedel aus Glogau, der aber 1.2. 1917 an die kath. Schule in Glogau zurückgerufen wurde.
Man sorgte sich um die Schule in G. K. denn nun übernahm auf kurze Zeit die Pflichten des Lehrers und des Kantors Herr Jung. Aber auch er wurde, gleich nach den Pfingstferien 1917, zum Dienst an der Waffe eingezogen.
Die Chronik informiert: „In der Schule erteilte der Ortsschulinspektor, Herr Pfarrer Direske, den Unterricht in den notwendigsten Unterrichtsfächern. Der Gottesdienst wurde während dieser Zeit ohne Orgel abgehalten“.
Aber diese Situation dauerte nicht lange, denn:
„Im August 1917 wurde der junge Lehrer Hermann Kurzbuch aus Tschopitz, Kreis Glogau, zunächst mit der vertretungsweiser Verwaltung der hiesigen Lehrer- und Kantorstelle beauftragt. Er trat seinen Dienst am 19.8.1917 an.“
Aus einer Notiz in der Chronik (geschrieben von H. Kurzbuch) erfahren wir, dass:
„In den Sommerferien 1918 wurde die Orgel durch den Orgelbauer Bachmann aus Guhrau einer gründlichen Reparatur unterzogen. Sie wurde vollständig gereinigt, schadhafte Stellen, besonders das arg mitgenommene Pedal und das Gebläse ausgebessert und gestimmt. Die Prospektpfeifen, die schon einige Zeit vorher abgegeben werden mussten, um zu Kriegszwecken eingeschmolzen zu werden, wurden durch hölzerne Pfeifen und einige kleinere Zinnpfeifen ersetzt, so dass die Orgel dadurch wieder ihre Prinzipalstimmen wiederbekam. Vorher war der Prospekt durch Stoffverkleidung verkleidet.“
Aber hier steht: „Die Pfeifen mussten abgegeben werden!“ Somit war die Orgel nicht vollständig! Ich vermute, es konnten nur die Register genutzt werden, deren Pfeifen nicht aus Metall waren. Es muss kläglich geklungen haben, oder man hat die Orgel nicht benutzt.
Herr H. Kurzbuch hat sich bestimmt über die neu renovierte Orgel gefreut und als mein Onkel, Bernhard Breske, am 2. Mai 1927 als Pfarrer der Pfarrei Groß Kauer eingeführt wurde, ließ er diese besonders freudig klingen.
Herr H. Kurzbuch war in G. K. als Lehrer und Kantor bis Oktober 1944 tätig und so war auch ich zwangsläufig sein Schüler als „ABC-Schütze“ in der ersten und 5 Wochen in der zweiten Klasse. Dann kam das verheerende Jahr 1945 und es verstummten die Orgel in der Kirche und die Kinderstimmen in der Schule.
Bei den ersten polnischen Gottesdiensten erklang keine Orgelbegleitung. Erst als mein Onkel einen begabten jungen Menschen, den damals 16 Jahre alten Edward Skowronski in Quaritz (Gaworzyce) überreden konnte, um jeden Sonntag nach K.W. zu kommen um bei drei Gottesdiensten den Gesang mit der Orgel zu begleiten, war dieses Problem ab Frühjahr 1947 gelöst. Aber nur bis 1952. Herr Skowronski begann seine Berufsausbildung, was es ihm unmöglich machte, jeden Sonn- und Feiertag nach K.W. zu kommen (damals immer mit dem Fahrrad).
In der Zwischenzeit habe ich, unter Anleitung meines Onkels (dem Pfarrer) und des Herrn Skowronski, das Orgelspielen fleißig geübt. Nach bestandener Prüfung, konnte ich die Funktion als Organist in K.W. übernehmen.
Zu der Zeit war der Zustand der Orgel gut (Foto 1). Sicher, beim Betätigen der Tasten merkte man, dass dieses Instrument schon einige Jahrhunderte treue Dienste geleistet hatte, aber für die Begleitung des Gesanges erfüllte es seinen Zweck.
Als ich meine Ausbildung zum Ingenieur 1955 in Wroclaw begann, versuchte ich regelmäßig jeden zweiten Sonntag in K.W. zu erscheinen. Wir beide (Skowronski und ich) wechselten uns ab, so, dass die Orgel fast jeden Sonntag erklang.
In dieser Zeit hatte in Polen auch politisch sich einiges geändert. So musste z.B. der Religionsunterricht in die Kirche verlegt werden. Unter den Kindern befanden sich auch Neugierige, die unbeobachtet sich an der Orgel zu schaffen machten. Die kleineren Pfeifen (ob aus Holz oder Metall) wurden entwendet, so dass ab Herbst 1964 die Orgel nicht mehr benutzt werden konnte. So schmerzhaft es auch war, die Pfarrei war finanziell nicht in der Lage die Schäden (fehlende Pfeifen, aufgeschlitzter Blasebalg – man hatte Schätze gesucht – u.v.m) zu reparieren. Die Orgel ist verstummt! Für immer?
Das gleiche Schicksal erlitt auch die Orgel in der Kirche zu Kloda (Kladau), die damals wie auch jetzt zur Pfarrei Kurów Wielki gehört.
Man versuchte mit einem Harmonium die Gottesdienste zu gestallten. Als elektronische Musikinstrumente auf den Mark kamen, dient jetzt eine CASIO-Orgel der Gemeinde.
Die beigefügten Fotos zeigen den Orgelprospekt aus dem Jahr ca. 1938 und jetzt 2015.

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